Es ist der Anruf, den ich in meiner Zeit als Bereitschaftsarzt im Krankenhaus am meisten gefürchtet habe. Nicht der mit dem Herzinfarkt. Sondern der aus der Notaufnahme: „Wir haben hier einen Patienten mit Teerstuhl, der Kreislauf kippt gerade."

Was dann folgt, sind Minuten, in denen nichts anderes mehr zählt als zwei Zugänge, Volumen, Blutkonserven und ein Endoskopieraum, der innerhalb von zwanzig Minuten bereitstehen muss. Teerstuhl ist kein Symptom, das man auf die lange Bank schiebt – und genau deshalb habe ich mich entschieden, hier einmal alles zusammenzuschreiben, was man als Betroffener oder Angehöriger wissen muss. Ohne Panikmache, aber mit der Klarheit, die mir damals selbst gefehlt hätte.

Wichtige Erkenntnisse

  • Teerstuhl (medizinisch: Meläna) beschreibt pechschwarzen, glänzenden, klebrigen Stuhl mit typisch fadem Geruch
  • Dahinter steckt fast immer eine Blutung im oberen Magen-Darm-Trakt, häufig aus Magen oder Zwölffingerdarm
  • Nicht jede schwarze Stuhlfärbung ist Blut: Eisenpräparate, Aktivkohle und Lakritz verfärben ebenfalls
  • Ein einfacher Wassertest hilft bei der ersten Einschätzung, ersetzt aber niemals die ärztliche Abklärung
  • Bei Schwindel, Herzrasen oder kaltschweißiger Haut gehört der Betroffene sofort in die Notaufnahme, nicht in die Praxis
  • Die entscheidende Untersuchung ist die Magenspiegelung, oft innerhalb von 24 Stunden

Teerstuhl erkennen: Warum schwarz allein nicht reicht

Ich habe gelernt, dass die meisten Menschen, die mit dieser Frage zu mir kommen, längst gegoogelt haben und trotzdem verunsichert sind. Verständlich. Denn die Grenze zwischen „harmlos verfärbt" und „echter Teerstuhl" ist manchmal hauchdünn.

Der medizinische Fachbegriff lautet Meläna. Er beschreibt einen Stuhl, der nicht einfach nur dunkel ist, sondern wie Teer wirkt: schwarz, glänzend, klebrig, mit einem Geruch, den ich nur als „süßlich-faul" beschreiben kann. Wer diesen Geruch einmal gerochen hat, vergisst ihn nicht. Und genau das ist auch für Angehörige ein wichtiges Erkennungsmerkmal.

Was Teerstuhl von normalem Stuhl unterscheidet

Die Farbe entsteht durch einen chemischen Prozess. Blut, das im oberen Verdauungstrakt austritt, wird auf dem Weg durch Magen und Darm von der Magensäure und den Darmbakterien zersetzt. Das enthaltene Hämoglobin wandelt sich dabei in Hämatin um – ein Stoff, der tiefschwarz ist. Je länger das Blut im Darm bleibt, desto typischer wird die Teer-Konsistenz.

Was viele nicht wissen: Der Stuhl muss nicht zwingend komplett schwarz sein. Manchmal sind es nur Beimischungen, manchmal zieht sich die Verfärbung wie ein dunkler Streifen durch den Stuhl. In beiden Fällen gilt: abklären lassen.

Ab welcher Blutmenge Teerstuhl überhaupt auftritt

Hierzu gibt es eine Faustregel, die in der Klinik immer wieder genannt wird: Erst ab etwa 50 bis 100 Millilitern Blut im oberen Magen-Darm-Trakt zeigt sich der typische schwarze Stuhl. Kleinere Mengen bleiben oft unsichtbar und lassen sich nur über einen Okkultbluttest nachweisen.

Was mich daran am meisten überrascht hat, als ich es zum ersten Mal hörte: Diese Menge entspricht ungefähr einem halben Schnapsglas. Klingt wenig, ist es aber nicht – denn das bedeutet im Umkehrschluss, dass bei sichtbarem Teerstuhl bereits ein erheblicher Blutverlust stattgefunden haben kann.

Der Wassertest als erste Einschätzung

Ich gebe zu: Als ich den Wassertest zum ersten Mal erklärt bekam, hielt ich ihn für zu simpel, um nützlich zu sein. Nach einigen Jahren in der Praxis denke ich anders darüber. Er ist grob, aber er sortiert.

  1. Eine kleine Stuhlprobe in ein Glas klares Wasser geben
  2. Einige Minuten warten und beobachten
  3. Echter Teerstuhl bleibt schwarz und färbt kaum ab
  4. Farbstoffe aus Lebensmitteln wie Rote Bete oder Blaubeeren laugen aus und verfärben das Wasser

Wichtig: Ein negativer oder positiver Ausgang dieses Tests ändert nichts daran, dass medizinische Abklärung nötig ist. Er dient nur dazu, die eigene Einschätzung zu sortieren, bevor man zum Telefon greift oder eben nicht.

Teerstuhl Ursachen: Von harmlos bis lebensbedrohlich

Die Liste der möglichen Auslöser ist lang. Und ich muss ehrlich sagen: Als ich sie zum ersten Mal komplett durchgegangen bin, war ich überrascht, wie viele Alltagsdinge plötzlich auf dieser Liste auftauchen.

Falsche Alarme: Diese Dinge verfärben den Stuhl

Zu den häufigsten Gründen, warum Menschen mit schwarzem Stuhl in die Notaufnahme kommen und dann erleichtert wieder gehen dürfen, zählen harmlose Ursachen. In meiner Erfahrung sind es vor allem diese:

  • Eisenpräparate – der Klassiker bei Blutarmut oder in der Schwangerschaft
  • Aktivkohle – etwa nach einem Durchfall oder als Entgiftungstablette
  • Bismutpräparate gegen Magenbeschwerden
  • Lakritz in größeren Mengen
  • Blaubeeren, Rote Bete, Spinat

Was diese Liste gefährlich macht, ist nicht die Verfärbung an sich, sondern die Verwechslungsgefahr. Wer regelmäßig Eisen einnimmt und dann plötzlich schwarzen Stuhl bemerkt, schiebt es womöglich auf die Tabletten – und übersieht eine echte Blutung. Ich habe solch einen Fall einmal miterlebt. Der Patient kam zwei Tage zu spät, weil er sicher war, es sei „nur das Eisen".

Echte Blutungsquellen im oberen Verdauungstrakt

Wenn der Teerstuhl tatsächlich von Blut stammt, liegt die Quelle meist im oberen Verdauungstrakt. Die häufigsten Auslöser, die ich in der Klinik gesehen habe:

  • Magengeschwür (Ulcus ventriculi) und Zwölffingerdarmgeschwür (Ulcus duodeni) – die mit Abstand häufigsten Ursachen. Oft ausgelöst durch Helicobacter pylori oder durch Schmerzmittel wie Ibuprofen und ASS
  • Magenschleimhautentzündung (Gastritis), besonders die erosive Form
  • Ösophagusvarizen – erweiterte Krampfadern in der Speiseröhre, meist bei fortgeschrittener Lebererkrankung. Diese Blutungen sind besonders gefährlich, weil sie schlagartig einsetzen und massiv sind
  • Mallory-Weiss-Syndrom – Einrisse in der Speiseröhrenschleimhaut, typischerweise nach heftigem Erbrechen, oft nach Alkoholexzess
  • Tumore im Magen oder in der Speiseröhre
  • Blutungen nach Magen- oder Darmoperationen

Teerstuhl bei Leberzirrhose: eine besonders ernste Konstellation

Diese Kombination ist die, bei der bei mir persönlich alle Alarmglocken schrillen. Bei Menschen mit Leberzirrhose bilden sich durch den erhöhten Druck im Pfortadersystem häufig Ösophagusvarizen. Diese Gefäße sind dünnwandig und können ohne Vorwarnung reißen.

Was die Sache zusätzlich verschärft: Die Leber produziert bei fortgeschrittener Erkrankung weniger Gerinnungsfaktoren. Blutungen sind also gleichzeitig stärker und schwerer zu stoppen. In meiner Zeit auf der Intensivstation habe ich mehrere solcher Blutungen begleitet – es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, und er wird nicht immer gewonnen.

Für Betroffene mit bekannter Leberzirrhose gilt deshalb: Jede schwarze Stuhlverfärbung ist ein Notfall. Ohne Umweg, ohne Abwarten, ohne Ausreden.

Teerstuhl Symptome: Was der Körper zusätzlich zeigt

Der Stuhl ist oft nur die halbe Information. Fast immer gibt es Begleitsymptome, und ihre Intensität verrät viel über den Ernst der Lage. Manche Menschen haben Teerstuhl ohne Beschwerden, andere kollabieren innerhalb einer Stunde. Die Bandbreite ist enorm.

Warnzeichen, die sofort in die Klinik führen

Diese Zeichen deuten auf einen relevanten Blutverlust hin und sind für mich ein klarer Fall für den Rettungswagen:

  • Schwindel oder Ohnmachtsgefühl, besonders beim Aufstehen
  • Herzrasen – Puls dauerhaft über 100 Schläge pro Minute in Ruhe
  • Blutdruckabfall, besonders ein systolischer Wert unter 100 mmHg
  • Kaltschweißige, blasse Haut
  • Luftnot bei geringster Anstrengung
  • Verwirrtheit oder Benommenheit

Ein pragmatischer Hinweis: Bei einem Erwachsenen passen etwa vier bis fünf Liter Blut in den Kreislauf. Wer bei einer Magenblutung ein bis zwei Liter verliert, ist bereits in einem Bereich, in dem ohne Gegenmaßnahmen die Organe in Gefahr geraten. Das klingt dramatisch, ist es auch.

Teerstuhl ohne Beschwerden: Wie gefährlich ist das?

Das ist die Frage, die mir am häufigsten gestellt wird – und meine ehrliche Antwort lautet: Ein Teerstuhl ohne Beschwerden ist kein harmloser Teerstuhl.

Chronische oder langsam sickernde Blutungen zeigen sich manchmal wochenlang nur durch schwarzen Stuhl, ohne dass der Betroffene sich schlecht fühlt. Der Körper kompensiert einen schleichenden Blutverlust eine Zeit lang recht gut. Bis er es nicht mehr tut.

Meist ist es dann die Blutarmut, die irgendwann auffällt – über Müdigkeit, Blässe, Leistungsknick, Kurzatmigkeit beim Treppensteigen. Bei einem meiner Patienten war es ein Hämoglobinwert von 6,2 g/dl, entdeckt bei einer Routineuntersuchung. Er hatte wochenlang nichts gemerkt.

Teerstuhl untersuchen und behandeln

Was in der Klinik passiert, folgt einem klaren Ablauf. Ich finde es wichtig, das zu wissen, weil es die Angst vor dem Unbekannten nimmt – und weil es zeigt, warum die Zeit hier wirklich zählt.

Erste Schritte in der Notaufnahme

Zunächst geht es um zwei Dinge gleichzeitig: den Kreislauf stabilisieren und herausfinden, wie viel Blut bereits verloren wurde.

  • Blutabnahme mit Bestimmung von Hämoglobin, Gerinnungswerten, Nieren- und Leberwerten
  • Anlegen von zwei Zugängen – nicht schön, aber überlebenswichtig
  • Infusion von Flüssigkeit, bei Bedarf Blutkonserven
  • Bei starkem Verdacht auf eine Varizenblutung: Medikamente, die den Druck im Pfortadersystem senken
  • Säureblocker (Protonenpumpeninhibitoren) bereits vor der Endoskopie

Endoskopie: der entscheidende Schritt

Die Magenspiegelung (Gastroskopie) ist und bleibt der Goldstandard. Sie zeigt nicht nur, wo es blutet, sondern erlaubt meist auch die direkte Blutstillung – durch Unterspritzen, Clips, Hitzekoagulation.

Der Zeitrahmen richtet sich nach dem Zustand: Bei instabilen Patienten gilt die Regel, innerhalb von 24 Stunden zu spiegeln, bei kreislaufkritischen Fällen deutlich früher. Parallel wird oft eine Darmspiegelung angeschlossen, falls die Quelle nicht im oberen Trakt zu finden ist.

Untersuchung Was sie zeigt Wann sie zum Einsatz kommt
Gastroskopie Blutungsquelle in Speiseröhre, Magen, Zwölffingerdarm; oft direkt Therapie möglich Standard bei Verdacht auf obere GI-Blutung
Koloskopie Blutungsquelle in Dickdarm oder unterem Dünndarm Wenn Gastroskopie nichts ergibt
Kapselendoskopie Dünndarmblutungen, die anderen Verfahren entgehen Bei wiederholten Blutungen ohne Befund
Angiografie Gefäßdarstellung, gezielte Embolisation möglich Wenn Endoskopie nicht zum Ziel führt

Medikamente vor der Spiegelung

Ich erinnere mich an eine Diskussion im Ärzteteam, bei der es genau darum ging: Geben wir Säureblocker schon vor der Endoskopie, oder warten wir das Ergebnis ab? Die Antwort ist heute meist eindeutig. Protonenpumpeninhibitoren werden bereits vorher gegeben.

Der Grund: Sie hemmen die Magensäureproduktion, stabilisieren den Gerinnsel auf der blutenden Läsion und verbessern die Sichtverhältnisse während der Spiegelung. Bei Verdacht auf eine Varizenblutung kommen zusätzlich Medikamente wie Terlipressin oder Octreotid zum Einsatz, die den Druck in den Pfortadergefäßen senken.

Teerstuhl bei besonderen Patientengruppen

Teerstuhl bei Neugeborenen

Hier wird es speziell. Neugeborene haben in den ersten Lebenstagen ohnehin dunklen Stuhl – das sogenannte Kindspech (Mekonium). Verwechslungsgefahr ist also vorprogrammiert.

Ein echter Meläna beim Säugling kann mehrere Ursachen haben. Eine der häufigsten, die ich kenne: Das Baby hat bei der Geburt mütterliches Blut geschluckt. Das klingt banal, wird aber in der Neonatologie systematisch abgeklärt. Daneben gibt es ernstere Gründe wie eine hämorrhagische Krankheit des Neugeborenen durch Vitamin-K-Mangel oder angeborene Fehlbildungen.

In beiden Fällen gilt: Neugeborene mit echtem Teerstuhl gehören in die Kinderklinik, nicht in die heimische Beobachtung.

Teerstuhl unter Blutverdünnenden Medikamenten

Diese Gruppe ist zahlenmäßig groß und in meinen Augen besonders unterversorgt mit klaren Informationen. Wer dauerhaft Antikoagulanzien wie Phenprocoumon, Apixaban oder Rivaroxaban einnimmt oder Thrombozytenaggregationshemmer wie ASS oder Clopidogrel, hat ein erhöhtes Blutungsrisiko.

Die praktische Konsequenz: Bei diesen Patienten sollte die Schwelle zur Klinikeinweisung niedriger liegen. Ein Teerstuhl, den man bei einem gesunden 40-Jährigen vielleicht noch einen Tag beobachten würde, ist bei einem 75-Jährigen unter Blutverdünnern bereits ein Notfall.

Und bitte: Blutverdünner niemals eigenständig absetzen. Das sage ich ausdrücklich, weil ich es schon erlebt habe – mit Folgen, die niemand wollte.

Häufige Fragen zu Teerstuhl

Wie sieht Teerstuhl aus?

Teerstuhl ist pechschwarz, glänzend und hat eine klebrige, teerartige Konsistenz. Er riecht typischerweise stark fötide, süßlich-faul. Anders als bei hellem Blut im Stuhl sieht man keine roten Spuren – das Blut ist bereits komplett verdaut.

Ist Teerstuhl immer gefährlich?

Nein, nicht immer. Eisenpräparate, Aktivkohle, Lakritz oder bestimmte Lebensmittel können den Stuhl schwarz färben. Wenn echter Meläna vorliegt, ist er jedoch ein dringender Warnhinweis auf eine Blutung im oberen Verdauungstrakt und muss abgeklärt werden.

Kann Teerstuhl ohne Beschwerden auftreten?

Ja, das kommt vor – und ist besonders tückisch. Langsam blutende Läsionen verursachen oft wochenlang keine Symptome außer der Stuhlverfärbung. Die Blutarmut zeigt sich erst später durch Müdigkeit, Blässe oder Atemnot.

Was ist der Unterschied zwischen Teerstuhl und Hämatochezie?

Hämatochezie bedeutet sichtbares, hellrotes Blut im Stuhl und deutet meist auf eine Blutung im unteren Darmtrakt hin. Teerstuhl ist das Gegenteil: verdautes, schwarz gefärbtes Blut aus dem oberen Trakt. Die Unterscheidung ist klinisch entscheidend und lenkt die Diagnostik in ganz verschiedene Richtungen.

Am Ende bleibt eine Sache, die ich in all den Jahren gelernt habe: Der Blick in die Toilette ist keine Panikmache. Er ist Teil einer guten Selbstbeobachtung. Ein kurzer Blick, ein Moment des Innehaltens – und im Zweifel ein Anruf statt eines Schulterzuckens.

Was mich dabei immer wieder nachdenklich macht: Über Stuhlgang spricht kaum jemand. Dabei verrät er oft mehr über den Zustand des Körpers als viele andere Dinge, die wir viel offener diskutieren. Vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft, die ich mitgeben kann – dass die Hemmung, über solche Beobachtungen zu sprechen, in manchen Fällen mehr kostet als jede Untersuchung, die dadurch verzögert wird.