„Sind Sie jetzt homosexuell?" — diese Frage hat mir mal ein Arbeitskollege gestellt, nachdem ich erzählt hatte, dass ich mit meinem besten Freund in den Urlaub fahre. Zwei Wochen, ein Zimmer. Er meinte das nicht böse. Aber die Frage zeigt, wie viele Menschen sich unter dem Begriff noch immer etwas vage Bedrohliches vorstellen, als wäre Homosexualität eine Art Zustand, in den man hineingerät wie in einen falschen Zug.

Dabei ist die Antwort auf die Frage „was ist homosexuell" eigentlich unspektakulär: Es beschreibt die Anziehung, die ein Mensch gegenüber Personen des eigenen Geschlechts empfindet. Punkt. Was daran so viele Debatten auslöst, hat weniger mit der Definition zu tun als mit allem, was drumherum hängt — Recht, Religion, Familie, Selbstbild. Ich will hier nicht die hundertste Lexikon-Erklärung schreiben. Ich will aufräumen.

Wichtige Erkenntnisse

  • Homosexuell bedeutet: sexuelle, romantische oder emotionale Anziehung zu Menschen des eigenen Geschlechts.
  • Der Begriff wurde 1869 von Karl-Maria Kertbeny geprägt — aus dem griechischen homós (gleich), nicht aus dem lateinischen homo (Mensch).
  • Anziehung, gelebte Sexualität und Identität sind drei verschiedene Dinge und fallen nicht automatisch zusammen.
  • Die Weltgesundheitsorganisation hat Homosexualität 1990 aus ihrer Krankheitsklassifikation gestrichen. Sie gilt heute in der Fachwelt nicht mehr als Störung.
  • Eine wissenschaftlich belegte „Ursache" gibt es bis heute nicht — und keinen anerkannten Weg, sie zu „ändern".

Was bedeutet homosexuell eigentlich genau?

Homosexuell zu sein heißt, sich zu Menschen des eigenen Geschlechts hingezogen zu fühlen — körperlich, emotional, romantisch. Das kann sich in unterschiedlicher Intensität zeigen. Manche Menschen merken es früh, mit dreizehn, vierzehn. Andere erst mit Anfang zwanzig, manche noch später.

Und hier fängt das erste Missverständnis an.

Anziehung, Verhalten und Identität sind nicht dasselbe

Fachleute unterscheiden seit Jahrzehnten drei Ebenen, die im Alltag oft in einen Topf geworfen werden:

  • Das Verlangen — wen jemand begehrt, innerlich, unabhängig davon, ob je etwas passiert.
  • Das Verhalten — was jemand tatsächlich tut. Ein Mann kann Sex mit Männern haben und sich trotzdem nicht als homosexuell verstehen.
  • Die Identität — ob jemand das Wort für sich selbst annimmt, in welcher Schublade er oder sie sich zuhause fühlt.

Diese drei Ebenen können auseinanderlaufen, und das ist völlig normal. Ich habe mit einem Mann gesprochen, der jahrzehntelang verheiratet war, zwei Kinder hat und erst mit 54 seinem Umfeld sagte, dass er Männer liebt. Sein Verhalten und seine Identität liefen fast sein ganzes Leben lang getrennt voneinander. Passiert. Häufiger, als Sie denken.

Warum viele „schwul" oder „lesbisch" sagen statt „homosexuell"

Spannender Punkt, der in vielen Erklärtexten fehlt: Das Wort ist im Alltag erstaunlich unpopulär — unter den Menschen, die es beschreibt. Ein Mann, der Männer liebt, nennt sich fast nie „homosexuell". Er nennt sich schwul. Eine Frau sagt lesbisch.

Warum? Weil „homosexuell" über ein Jahrhundert lang in medizinischen Gutachten und Gerichtsurteilen auftauchte. In Deutschland stand der Paragraf 175 des Strafgesetzbuches bis 1994 im Gesetz und stellte männliche Homosexualität unter Strafe. Das Wort war dabei — auf der Anklagebank. Wer kann es da verdenken, dass man lieber ein anderes wählt?

Woher kommt der Begriff — und warum ist das relevant?

Karl-Maria Kertbeny, ein österreichischer Schriftsteller, benutzte das Wort 1869 zum ersten Mal, in einem Pamphlet gegen die damalige Strafgesetzgebung. Er bildete es aus homós (griechisch für „gleich") und dem lateinischen sexus. Ein Mischwort also, halb Griechisch, halb Latein — Sprachpuristen schütteln bis heute den Kopf.

Wichtiger als die Etymologie ist die Absicht dahinter: Kertbeny wollte zeigen, dass diese Anziehung ein fester Bestandteil eines Menschen ist und keine Sünde, für die man bestraft gehört. Das war 1869 eine ziemlich steile These.

Kleiner Klarsteller: „homo" heißt nicht „Mensch"

Immer wieder höre ich, das Wort bedeute „den Menschen liebend". Das ist falsch, aber die Verwechslung ist verständlich — im Lateinischen heißt homo tatsächlich „Mensch". Im griechischen Wortstamm hier heißt homós aber „gleich". Das Gegenstück bildet also „hetero" (griechisch heteros, „anders"). Homosexuell und heterosexuell sind schlicht Wörter derselben Wortfamilie: gleich und anders.

Warum wird man homosexuell?

Die ehrliche Antwort: Man wird es nicht „auf eine Weise", die sich sauber auf eine Ursache zurückführen ließe. Und das ist auch keine Wissenslücke, die sich irgendwann schließen wird — die Frage selbst ist schief gestellt.

Ist Homosexualität genetisch festgelegt?

Kurz gesagt: nein, nicht festgelegt. Nicht wie die Augenfarbe.

Es gibt eine Reihe von Studien, die darauf hinweisen, dass genetische Anlagen eine Rolle spielen — bei Männern ist der Anteil biologischer Faktoren wohl größer als bei Frauen. Aber „eine Rolle spielen" ist eben nicht „ist determiniert". Es gibt keine einzelne „Homosexualitäts-Gene". Auch hormonelle Faktoren während der Schwangerschaft werden diskutiert. In der Fachwelt gilt heute ein multifaktorielles Modell: Anlagen, Hormone, frühkindliche Erfahrungen — und vermutlich noch einiges, das wir nicht kennen.

Was in der Forschung dagegen recht klar ist: Erziehung macht Menschen nicht homosexuell. Weder eine schwache Mutter noch ein abwesender Vater. Der sogenannte „schwule Onkel", der angeblich durch zu viel Nähe zur Mutter entsteht — reine Erfindung aus der Psychoanalyse der fünfziger Jahre. Ich habe mich als Jugendlicher selbst dabei erwischt, wie ich nach Erklärungen für mich gesucht habe. Es hat mir nicht geholfen.

Kann man Homosexualität „heilen"?

Nein. Es gibt keine seriöse Studie, die eine funktionierende „Konversionstherapie" belegt. Was es gibt, sind Berichte über Menschen, die ihre Anziehung unterdrücken lernten — mit erheblichen psychischen Schäden. Depressionen, Angststörungen, Suizidgedanken tauchen in diesen Beschreibungen regelmäßig auf.

Die Weltgesundheitsorganisation hat Homosexualität 1990 aus der internationalen Krankheitsklassifikation entfernt. In Deutschland ist es Jugendlichen unter 18 Jahren seit 2020 gesetzlich verboten, sich solchen „Therapien" zu unterziehen. Und ehrlich gesagt: Wenn Sie mich fragen, ob ich lieber in einer Welt lebe, in der ich mich selbst annehme, oder in einer, in der ich mich für einen Fehler halte — die Antwort fällt mir nicht schwer.

Wie viele Menschen sind homosexuell?

Hier wird es interessant, weil die Zahlen je nach Frageweise weit auseinandergehen. Fragt man nach konkreter Anziehung und gelebter Sexualität, landet man bei einem kleinen, aber stabilen Anteil: Grob geschätzt bezeichnen sich in westeuropäischen Ländern zwischen 2 und 6 Prozent der Erwachsenen als homosexuell oder bisexuell. Ich kenne die Zahl aus unzähligen Umfragen, in denen sie immer wieder auftaucht — und ich nenne sie bewusst als Größenordnung, nicht als exakten Wert.

Der Anteil steigt übrigens, wenn man jüngere Kohorten fragt. Nicht, weil junge Menschen „mehr" schwul wären. Sondern weil sie weniger Grund haben, es zu verschweigen.

Homosexuell — was ist das Gegenteil?

Die formale Antwort ist heterosexuell: Anziehung zu Menschen des anderen Geschlechts. Das Wort kommt ebenfalls aus dem Griechischen, heteros heißt „der andere, anders". Hetero- und Homosexualität sind also keine Wertungen, sondern schlicht Positionsangaben — wie „links" und „rechts".

Homosexuell — was ist das Gegenteil?

Das ganze Spektrum dazwischen ist übrigens größer, als man in einer einfachen Zweiteilung unterbringen kann. Die Kinsey-Skala von 1948 ordnet Menschen auf einer Skala von 0 bis 6 ein, wobei 0 ausschließlich heterosexuell und 6 ausschließlich homosexuell bedeutet. Die meisten liegen irgendwo dazwischen. Ich empfinde diese Skala als etwas grob, aber der Grundgedanke stimmt: Es gibt keine zwei Schubladen, sondern einen Verlauf. Bisexuelle Menschen, die sich zu beiden Geschlechtern hingezogen fühlen, machen einen großen Teil dieses Verlaufs aus.

Die wichtigsten Begriffe auf einen Blick

Begriff Bedeutung Herkunft
Homosexuell Anziehung zu Menschen des eigenen Geschlechts griech. homós (gleich) + lat. sexus
Heterosexuell Anziehung zu Menschen des anderen Geschlechts griech. heteros (anders)
Bisexuell Anziehung zu Menschen beider Geschlechter, nicht zwingend gleich stark lat. bi (zwei)
Schwul Umgangssprachlich für homosexuelle Männer, in der Szene Selbstbezeichnung deutsch, seit dem 19. Jh. belegt
Lesbisch Für homosexuelle Frauen nach der Insel Lesbos, auf der die Dichterin Sappho lebte

Was sagt die Bibel über Homosexualität?

Die Bibel ist kein einheitliches Buch, und sie kennt das Wort „Homosexualität" gar nicht — es wurde erst 1869 geprägt, Jahrtausende nach den biblischen Texten. Was in den Schriften steht, sind einzelne, sehr unterschiedlich ausgelegte Stellen.

Was sagt die Bibel über Homosexualität?

Im Alten Testament findet sich unter anderem das Verbot im Buch Levitikus, das im Kontext einer langen Liste von Reinheits- und Ordnungsgeboten steht — neben dem Verbot, Kleidung aus zwei verschiedenen Stoffen zu tragen. Im Neuen Testament schreibt Paulus im Römerbrief über gleichgeschlechtliche Handlungen, in einem Abschnitt, über dessen genaue Bedeutung Theologen seit Jahrhunderten streiten: Geht es um die Handlung an sich, um Ausbeutung, um Tempelkult? Die Antworten sind bis heute unterschiedlich.

Und hier ist mein Punkt: In der Praxis sind es nicht die Bibelstellen, die über die Akzeptanz von Menschen entscheiden. Es sind Gemeinden, die daraus etwas machen. Ich kenne eine lesbische Pastorin, die in einer Gemeinde predigt, die ihre Ehe gesegnet hat. Und ich kenne Menschen, die ihre Kirche verlassen haben, weil sie sich dort nicht mehr willkommen fühlten. Beide Realitäten existieren nebeneinander — innerhalb derselben Religion.

Die Regenbogenflagge und andere Zeichen

Sie sehen die Flagge jedes Jahr im Juni überall — an Rathäusern, auf Firmenlogos, an Balkonen. Die Regenbogenflagge wurde 1978 von Gilbert Baker für den Christopher Street Day in San Francisco entworfen und hatte ursprünglich acht Farben, jede mit einer eigenen Bedeutung (Pink stand für Sexualität, Rot für das Leben). Heute ist die Version mit sechs Streifen am verbreitetsten.

Die Flagge ist kein Modeaccessoire. Sie ist, ganz pragmatisch gesagt, ein Signal: Hier bist du sicher. Für Jugendliche in einer Kleinstadt, in der es keine queere Bar gibt, ist das manchmal der einzige sichtbare Hinweis. Ich habe in den Neunzigerjahren nicht ein einziges solches Signal gesehen. Heute sehe ich sie selbst an der Sparkasse meiner Kleinstadt. Das ist mehr als Kosmetik.

Wie ist die Rechtslage in Deutschland?

Ein paar Eckdaten, weil sie oft verwechselt werden und ich selbst lange herumgerätselt habe:

  • Paragraf 175, der männliche Homosexualität unter Strafe stellte, wurde 1994 abgeschafft. Die Verurteilten von damals wurden 2017 entschädigt.
  • Die Ehe für alle gilt seit Oktober 2017. Schwule und lesbische Paare können heiraten, mit allen Rechten der Adoption.
  • Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz verbietet Diskriminierung wegen sexueller Orientierung bei der Arbeit und im Alltag.

Das klingt gut. Ist es auch — auf dem Papier. In der Praxis erlebe ich immer noch, dass bei Bewerbungen auf den Familienstand geschaut wird, obwohl das niemand zugeben würde. Recht und Alltag sind zwei verschiedene Paar Schuhe.

Was homosexuell bedeutet — und was auf keinen Fall

Hier räume ich noch ein paar Missverständnisse aus dem Weg, die mir immer wieder begegnen:

  • Es ist keine Krankheit — nicht seit 1990, in der Fachwelt schon länger nicht.
  • Es ist keine Phase, die man bei Jugendlichen aussitzt.
  • Es hat nichts mit „Verführung" zu tun — kein Mensch wird durch ein Gespräch oder eine Umarmung homosexuell.
  • Es sagt nichts über Charakter aus: nicht über Treue, nicht über Beruf, nicht über Humor.
  • Es ist nicht überall gleich sichtbar: In manchen Ländern steht Homosexualität unter Strafe, teils mit drakonischen Strafen. Wer dort lebt, kann die eigene Identität oft nicht offen zeigen — das ist keine Frage des Willens, sondern der Sicherheit.

Und trotzdem, das will ich nicht unterschlagen: In den vergangenen dreißig Jahren hat sich in Deutschland und Westeuropa enorm viel verändert. Als ich jung war, war eine offen schwule Person in der Öffentlichkeit noch eine kleine Sensation. Heute ist es in den meisten Städten so selbstverständlich, dass man kaum hinschaut. Das ist ein Verdienst von Menschen, die sehr viel riskiert haben, oft mehr, als ich heute zurückzahlen könnte.

Was bleibt am Ende? Homosexuell ist kein Zustand, in den man rutscht, und kein Etikett, das einen Menschen ausmacht. Es ist eine Beschreibung von Anziehung — nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wer verstehen will, was das Wort bedeutet, muss es nicht erklären können. Es reicht, genau hinzusehen. Und die Frage „Sind Sie jetzt homosexuell?" — die habe ich dem Kollegen damals übrigens mit „Nein, ich fahre nur gern weg" beantwortet. Er hat gelacht. Manchmal beginnt Verständnis genau dort.